Diese kleine Schrift

erschien im Jahr des Herrn 1898 in Dresden.Ein Herr Dohrn hatte den Inhalt aus dem Englischen übersetzt und vielleicht auch die nachhaltigen Illustrationen aus dieser Quelle genommen. Im Vorwort heißt es:

Das vorliegende Büchlein bezweckt, an der Hand bildlicher Darstellungen einen Einblick in die chinesische Gerichtspflege zu gewähren.

Die chinesischen Gesetze, welche seit Jahrtausenden ziemlich unverändert bestehen, sind fast nur kurze, aber vortreffliche Sittensprüche und moralische Vorschriften. Sie sichern dem Volke eine gerechte Behandlung und schützen es vor willkürlicher Gewalt.

Die Bestrafung entspricht der seit Jahrtausenden bestehenden Cultur, die mit einer Mauer jedem Fortschritte und fremden Einflüssen gewehrt hat. So finden wir noch heute in China Strafen, die bei uns zum Teil schon seit Jahrhunderten einer freieren, menschenwürdigeren Auffassung und Gerechtigkeit gewichen sind. Noch bestehen Körperstrafen und Folter, aber die Mittel, deren man sich dabei bedient, beweisen, dass man von jeher in China nicht derartige Grausamkeiten beging, wie sie z.B. das mittelalterliche Europa kannte.

Die Gerichtspflege ist in China eine öffentliche. Ist das Urteil gefällt, so folgt die Strafe meistens auf der Stelle. Nur die Vollstreckung des Todesurteils verzögert sich, denn es bedarf der Bestätigung durch den Kaiser. Dieser unterschreibt ein Todesurteil nur nach einer sorgfältigen derProzessakten und lässt sehr oft Gnade vor Recht ergehen.

Der Angeklagte vor dem Gerichtshofe

In China muss ein Justizbeamter (Mandarin) täglich 2 mal, des Morgens und des Abends, seines Amtes walten. Er wird dabei von einem Sekretär oder Gerichtsschreiber assistiert. Ferner stehen ihm stets einige Gerichtsdiener mit eisernen Fesseln und Bambusstäben (Pan-tsee) zur Verfügung. Der Richter sitzt vor einer mit einer seidenen Decke überzogenen Tafel. Auf ihr befindet sich alles, was zum Aufzeichnen der Anklage und Verteidigung nötig ist. Das Protokoll wird mit schwarzer Tinte aufgenommen, während es der Richter mit roter Tinte unterzeichnet und mit einem roten Siegel versieht. Der Kläger steht zur Rechten des Richters, der Angeklagte kniet gefesselt vor der Tafel. ...

Die Überführung zur Richtstätte

Sobald das Todesurteil über den gemeinen Verbrecher vom Kaiser bestätigt und unterzeichnet worden ist, wird mit der Vollstreckung derselben nicht länger gezögert. Er wird gefesselt und Geknebelt. Zum Knebeln bedient man sich eines hölzernen Stäbchens, welches ihm in den Mund gelegt wird und ihn so verhindert, auf dem Wege zur Richtstätte von der Sprache Gebrauch zu machen. Auf seinem Rücken ist eine Stange befestigt, welche hoch über ihn emporragt. Eine an ihr angebrachte Tafel verkündet in den üblichen Schriftzeichen Namen, Vergehen und Strafe des Verbrechers. Seine Ueberführung wird durch Polizeisoldaten besorgt, welche scharf bewaffnet folgen und ihn, wenn nötig, mit Gewalt vorwärtstreiben.