Vasilij Michajlovic Alekseev (1881-1951, auf dem Bild mit seinem Pekinger Lehrer Zhang Yiting), einer der bedeutendsten russischen Sinologen, begleitete als junger Mann den schon berühmten französischen Sinologen Éduard Chavannes 1907 auf einer mehrmonatigen China-Reise und führte dabei Tagebuch. Ziel der Reise Chavannes' war es, von historisch wertvollen Stelen und Steinplatten Abdrücke zu nehmen, um die Inschriften zu erforschen.

Alekseev interessierte sich vor allem für die Bräuche der chinesischen Bevölkerung. Er unterhielt sich intensiv mit den Menschen, denen sie begegneten, und notierte, was ihm dabei -aus seiner europäischen Sicht- auffiel. Das meiste ist auch heute noch bedenkenswert, meinen die Wissenschaftler vom China-Institut.

Während der Reise sammelte er ca. 3.000 sogenannte nianhua, Jahresbilder, die -meist zum Neujahr- als Glücksbringer (oder Geisterabwehrer) an den Häusern/Türen angebracht wurden, und die in höchst verschachtelter und versteckter Form (Alekseev beschrieb sie als "Rebus") unglaublich viele Einzelheiten aus der chinesischen Geschichte in einer einzigen (immer sehr bunten) Darstellung enthielten. (Mehr zu diesem interessanten Thema in: Chinese Popular Prints, Aurora Art Publishers Leningrad, 1988).


Die folgenden Zitate sind dem Buch China 1907 (Müller & Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, 1989) entnommen, dem Reisetagebuch Alekseevs. Sie regen zum Nachdenken darüber an, ob nicht vieles noch heute gilt - wenn auch in abgewandelter Form:

  • Alle Tempel machen außen und innen durch ihren unaufhaltsamen Verfall einen deprimierenden Eindruck. Vom Unwetter sind die Dächer überall verfault, und die morschen Balken hängen herab oder sind zu Boden gefallen (18)
  • ... Einem ähnlichen Schicksal sind fast alle chinesischen Klöster ausgeliefert (19)
  • ... Einer der Palasteunuchen, hochgestellten Beamten oder irgendein Magnat, seiner ständigen Untaten überdrüssig, kommt vielleicht auf den Gedanken, sein zusammengeraubtes Gold für den Bau eines Klosters oder eines Tempels zu verwenden. Zu diesem Zweck werden die geschicktesten Handwerker und Architekten herbeigeholt, die sich mit beispiellosem Eifer ans Werk machen ... Wer sein Seelenheil durch einen Tempelbau zu sichern gedenkt, überlegt: ‘[Solche] Gebäude werden gewiß nicht nur hundert Jahre bestehen. Dann sind alle meine Sünden bestimmt getilgt. Was nachher kommt, ist mir gleichgültig. (19)
  • ... aber ... die buddhistischen Mönche sorgen dafür, daß die Dinge sich ganz anders entwickeln. Die Ursachen sind vor allem darin zu suchen, daß sich dieser von allen werktätigen Chinesen verachtetete Stand gewöhnlich aus dem Abschaum der Gesellschaft, Leuten, die von Natur Nichtstuer oder Hochstapler sind, zusammensetzt. ... Die Habgier dieser Typen läßt sich nicht beschreiben ... Ihr stumpfsinniger Dogmatismus wird von vielen Sprichwörtern aufs Korn genommen, die alles andere als schmeichelhaft sind. Und ein solcher Typ sollte sich um die Erhaltung der Gebäude, Sauberkeit, Reparaturen usw. kümmern? Er denkt nicht dran! (19)
  • Was die ... Mönche angeht, haben sie nach Abschluß ihrer Gebetslitaneien wohl kaum einen anderen Gedanken als den, zum Glück nichts mehr tun zu müssen. (20)
  • China ist das Land der Inschriften. Alle Stellen, die bei uns frei von Aufschriften sind, werden in China gewöhnlich mit ihnen bedeckt; Türrahmen, Türfüllungen, die Wände über den Fenstern usw. Die Inschriften stammen natürlich nicht von den Bewohnern der ärmlichen Häuser und Läden, auch nicht von unserem Bootsmann, der die Aufschrift nicht einmal lesen kann, obwohl er das, worauf sie anspielt, sehr gut kennt. Das Wichtigste jedoch ist, daß alle diese wenig oder gar nicht gebildeteten Liebhaber von literarischen Zitaten Gefallen daran finden. Die Tiefe der kulturellen Durchdringung Chinas zeigt sich hier besonders deutlich.
  • Es wird heiß. Das Wasser des Kanals [auf dem die Reise stattfindet] von ekelhafter Farbe und stinkend, stellt ein wenig erfreuliches Stück Natur dar. (38)
  • Diese Epopöe [Epos] vom Kampf bekannter Helden bildet den Kern zahlloser Volkslegenden (die im 14. Jahrhundert zu einem literarischen Kollossalgemälde, dem sich großer Popularität erfreuenden Roman "Die drei Reiche" zusammengefaßt wurden) und kommt heute allein für nahezu sieben Zehntel des gesamten Theaterrepertoires auf. (43)
  • Ergebenheit dem Thron gegenüber [ist] die Grundlage der konfuzianischen Moral... (45)
  • Die Ereignisse ihrer eigenen Geschichte mit ihrem Heroismus und ihren Kämpfen, die Theaterparade ihrer nationalen Kultur - das alles berührt immer wieder das Herz des Chinesen, auch dann, wenn er nur wenige chinesische Zeichen, ja sogar, wenn er kein einziges kennt. (45)
  • Jedes Stückchen Erde ist bearbeitet. Es ist ungewöhnlich, ein Feld vor Augen zu haben, das sorgfältiger als ein Gemüsegarten gepflegt, mit Pfählen für die Pflanzen und anderen Vorrichtungen zur Vergrößerung der Nutzfläche versehen ist, daß ich stehenbleibe und den Blick nicht von diesem rührenden Bilde abwenden kann. (47).
  • Am Morgen erscheint eine alte Frau zu einem Schwatz. Der Bootsmann erkundigt sich galant nach ihrem Alter: "Du bist wohl bald achtzig, wie?" Die Alte ist sichtlich geschmeichelt, erklärt jedoch bescheiden, sie sei erst sechsundfünfzig. "Nun, Alte, viel Glück! Aussehen tust du aber wahrhaftig wie achtzig!" Ich möchte wissen, wie es einem ergehen würde, der einer europäischen Matrone solch ein Kompliment macht! Hier aber wirkt so etwas ganz natürlich. Im patriarchalischen China ist Alter immer ehrwürdig. (49)
  • Überhaupt ist das Gebet um Geld und um männliche Nachkommenschaft am häufigsten (54).
  • ... in der Malerei [ist] der chinesische Künstler bemüht, fotografische Exaktheit zu vermeiden und das Wesen, den Sinn des Gegenstandes, zum Ausdruck zu bringen... (60) Jedenfalls ist religiöser Fanatismus in China viel weniger entwickelt als in anderen Ländern. (64)
  • Die Phantasie der Mönche ist verkümmert. Sie sind, mit geringen Ausnahmen, ein äußerst grobes Volk, kennen nur eine sehr begrenzte Zahl von chinesischen Zeichen, wissen natürlich nichts von Indien, Sanskrit, von der ursprünglichen Lehre und den Begründern des Buddhismus. Die Hauptfunktion der buddhistischen und daoistischen Mönche besteht in ganz China im Rezitieren kanonischer Texte bei Begräbnissen und im Sammeln milder Gaben, besonders an den Tagen der Tempelfeste. (65)
  • Beim [Geld-] Umwechseln werden wir unbarmherzig übers Ohr gehauen ... (69)
  • Besonders charakteristisch sind die Ladenstraßen mit ihren kalligraphischen Firmenschildern an den Wänden. Es gibt auch Inschriften auf besonderen Pfosten vor den Läden. Manchmal sind die Pfosten mit prächtig vergoldetem Schnitzwerk verziert, doch gleich daneben Schmutz, Gestank, Müll ... (79)
  • Aus ganz anderem Holz geschnitzt ist ... der Beamte Qi, der in Paris gelebt ... hat ... Er stellt den Typ des neuen Mandarins dar, der die Allüren des alten beibehalten hat, aber weder dessen Gelehrsamkeit noch seine Weltanschauung besitzt. Ein Lebemann, ein Zyniker, ein bis zur Fahrlässigkeit gleichgültiger Beamter. Seinem eigenen Volk gegenüber bezieht er als ‘vom Westen Aufgeklärter' eine höchst dünkelhafte Stellung. ... Mir und Chavannes gegenüber verhielt er sich ehrerbietig, jedoch nicht ohne Ironie: Ach, Sie interessieren sich für diese billigen Holzschnitte, chacun à son goût ... (87)
  • Die alte chinesische Erziehung, die in dem Auswendiglernen der wichtigsten Werke der alten Literatur besteht, die schematische und planlose Lehre ohne Einteilung in Spezialfächer müssen abgeschafft werden. Wenn man aber die neue Ausbildung ganz nach dem in Europa üblichen Programm ausrichtet, würde der gebildete Chinese sich überhaupt nicht von einem entsprechend gebildeten Europäer unterscheiden. So würde der Chinese sich Europa aneignen, aber China - und damit die Fähigkeit zur Fortsetzung der chinesischen Kultur - verlieren. Wird China nur zu einem chinesisch redenden und schreibenden Teil von Europa bzw. Amerika werden oder wird es verstehen, sein eigenes Gesicht zu bewahren? Das ist die Frage, die alle bewegt, denen die nationale Kultur am Herzen liegt. Darüber gibt es endlose Auseinandersetzungen. (88f)
  • Der Kreisvorsteher ist ein kluger und interessanter Alter. Wie angenehm ist es doch, eine solche Erscheinung inmitten einer Beamtenschaft anzutreffen, in der bis zur offenen Ausraubung des Volkes gehende Gaunereien und Unterschlagungen an der Tagesordnung sind, wobei sie ständig begleitet werden von Deklarationen höchster Moral und Liebe zum Volk. (89)
  • ... die Chinesen sind ungeheuer empfindlich gegenüber höflichem oder unhöflichem Verhalten; sie wittern oft Dinge dahinter, die überhaupt nicht zutreffen, und können tödlich beleidigt sein. (92)
  • Ein erstaunlich freundliches und liebenswürdiges Volk! (104)
  • Beim Besuch eines Tempels, der wie viele andere, in seiner Ausstattung und Dekoration alles zusammenwirft: religionsfernen Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus: So treffen wir Vertreter dreier im Verlauf von Jahrtausenden einander bekämpfender Lehren friedlich in einem Tempel beisammen, denn das chinesische Volk hat mit erstaunlicher Gutmütigkeit und einer bemerkenswerten (bei anderen Völkern fehlenden) Gleichgültigkeit alle diese Lehren zu einer verschmolzen, der man sogar einen besonderen Namen gegeben hat: san jiao, Drei-Lehre. Auf Heiligenbildern werden manchmal alle drei Patrone -Konfuzius, Buddha und Laozi- ohne Unterschied in einem Rahmen zusammengefaßt. (106)
  • Beim Anblick terrassierter und landwirtschaftlich genutzter Berge: Ich frage einen neben mir stehenden Alten: "Wie sind diese Terrassen entstanden?" Die Antwort: "Menschenwerk." Man stelle sich vor: umgepflügte Berge! Man weiß nicht: Soll man erschrecken oder begeistert sein, wenn man solche Zeugnisse menschlicher Beharrlichkeit vor sich sieht? Das heißt chinesische Arbeit! (109)
  • ... der Staat zeigt sich überhaupt allem gegenüber gleichgültig. So kommt es, daß alte steinerne Inschriften in Schutthaufen verkommen oder als Straßenpflaster, Spülsteine, Pumpenschwengel für Brunnen dienen. Und erst gestern haben wir wir einen ebenfalls aus der Yuan-Zeit stammenden Stein mit einer sehr feinen Bildhauerarbeit als Wandverzierung einer ... Bedürfnisanstalt entdeckt! (113)
  • In Begleitung dieses Knaben besuchen wir einen Laden, um volkstümliche Bilder zu kaufen. Wir werden tüchtig übers Ohr gehauen (dafür sind wir ja Europäer), aber das ist nicht so wichtig. (114)
  • Die Geschichte Chinas erscheint dem Chinesen überhaupt als etwas nahezu Religiöses ... (117) Aber ist es nicht auch etwas Entsetzliches, daß Bildung so schwer erworben werden muß, und derjenige, der in China als Gelehrter gelten will, vom sechsten bis nahe ans dreißigste Lebensjahr, seine ganze Zeit, vom Morgen bis in die Nacht, dem Lernen seiner Sprache widmet? (118)
  • In allen Tempeln (und es gibt sie wie Sand am Meer) beobachte ich ein synkretistisches Chaos, d.h. die vollkommene Vermischung der ‘drei Lehren': Konfizianismus, Daoismus und Buddhismus. Der chinesischen Religion ist eine solche Unlogik völlig gleichgültig. In dieser Religion ist im Grunde jeder Beter sein eigener Priester. (128)
  • Je tiefer wir ins Land kommen, desto größer wird das Aufsehen, das wir als Ausländer erregen. Das ist verständlich. Alles an uns ist das genaue Gegenteil vom Chinesen und fällt ihm in die Augen ... (140)
  • [Chavannes] Reise ist die erste allen Anforderungen der archäologischen Wissenschaft entsprechende sinologische Expedition. Es ist zu hoffen, daß sie endlich die Chinareisen der zweifelhaften Zuständigkeit von Missionaren und Konsuln entreißt und den in so vielen Büchern von Europäern über ihre ‘Reisen' (richtiger: ‘Irrfahrten') durch China niedergelegten weitschweifigen Betrachtungen über die vielen chinesischen Rätsel ein Ende bereiten wird. (142)
  • Wir nähern uns Qufu, der Heimat des Konfuzius. ... Der Pförtner verlangt das Eintrittsgeld im voraus. Drinnen ist es schmutzig und leer. In großen, neugebauten Wohnräumen das übliche Bild der Verwüstung: Heu liegt herum, auf den Steinplatten wird Wäsche geklopft. (145)
  • Ein Kuli aus dem Hotel setzt sich zu mir und versucht, russisch zu sprechen. Es stellt sich heraus, daß er in Rußland gewesen ist und dort das Uhrmacherhandwerk gelernt hat. Nach der Rückkehr in die Heimat war er jedoch gezwungen, als Kuli zu arbeiten. "Hier ist es schwierig", sagt er, "alle Leute sind altmodisch, haben nichts für Neues übrig." (146)
  • Wir haben [in China] einen Riesen vor uns, der, ungeachtet enormer Verluste an Kulturgütern in endlosen Kriegen und Unruhen, es verstanden hat, seine gesamte Kultur zu erhalten und sie zu ungewöhnlicher Stabilität zu entwickeln. (146)
  • Personal gibt es in Mengen. Trozdem macht sich zwischen Denkmälern, die nicht zu den wichtigsten gehören, Unkraut breit, und im Tempel stinkt es fürchterlich ... (153)
  • Die ‘chinesische Etikette' hat sich bewährt. ... Mit [ihr] hängt die fast übernatürliche Furcht des Chinesen zusammen, ‘sein Gesicht zu verlieren', d.h. in eine solche Lage zu geraten, in der sogar die ‘Etikette' nicht imstande ist, sein Verhalten zu bemänteln. Mit dem ‘Gesichtsverlust' haben sogar so einfache Dinge zu tun wie z.B. eine Absage der Bitte um ein Darlehen, und so ist der Chinese ständig bemüht, solche Fälle nur unter vier Augen zu besprechen. (158)
  • Ich ... versuche, ein Gespräch in Gang zu bringen, aber es gelingt nicht gleich. Beim Anblick von Ausländern glaubt der Mann zuerst, überhaupt nichts von dem begreifen zu können, was ihm gesagt wird. (165)
  • ... neben uns, den wohlgenährten Reisenden, sitzen die Karrenzieher, die Sklaven der Arbeit, und fischen aus einer großen schmutzigen Schüssel Gurkenstücke, die in einer soßenartigen Flüssigkeit schwimmen. Dazu essen sie Momobrocken, mit denen sie die letzten Reste aus der Schüssel kratzen. Wenn man fragt: "Was ißt du?", fordern sie einen gleich auf, es zu probieren. Ein gutes Volk! (166)
  • Wir erreichen das Dorf Jiaochengcun. Wir fragen die herbeigeströmte Menge, ob es hier alte Steine gebe. Sie führen uns in einen Guanyin-Tempel und zeigen uns einen Stein, der zwischen einem Zaun und einem neuen Gedenkstein in der Erde steckt. Wir machen uns inmitten einer riesigen Menschenmenge in der glühenden Sonne an die Arbeit. Der Stein wird ausgegraben, abgewaschen, abgeformt. "Hier war noch ein Stein in der Mauer", sagen sie und zeigen auf einen Abort, "aber der ist verschwunden" (!). Sie wissen also, wo es alte Steine gibt und trotzdem gehen sie so schauderhaft mit ihnen um. ... Die Einwohner, die dem Schicksal aller dieser Denkmäler gegenüber so unglaublich gleichgültig schienen, hatten plötzlich begriffen, daß die Tafel verkauft und fortgebracht werden sollte: Schon stürzen sie sich auf den Verkäufer, und wie! Ihr Patriotismus war durchgebrochen. (176f)
  • Wir schließen die Türen der Kapelle, um dem Gedränge der Neugierigen, die die Arbeiten behindern, zu entgehen. Trotzdem kriechen sie über die Mauer, bilden einen engen Ring, sehen zu und rauchen. Ihre Ruhe ist unwahrscheinlich. Man ärgert sich, drängt sie zurück - sie lachen nur. Dabei bleiben sie immer höflich und dienstbereit. Wenn sie die Fragen verstehen, antworten sie zuvorkommend und genau. Das alles wirkt entwaffnend: Einfachheit, Gutherzigkeit und kindliche Lachlust. (177f)
  • In den Tempeln verkaufen geschäftstüchtige Mönche gegen Bargeld ‘Liegeplätze' für Raucher, verwandeln den Tempel in eine Opiumspelunke, so daß man manchmal Mühe hat, sich seinen Weg zwischen den Reihen der unheilvollen Lämpchen und betäubten Scheintoten zu bahnen. (179)
  • Es folgt [in Kaifeng] die Besichtigung des Xinggong, des ‘Reisepalastes', in dem vor sechs Jahren, während des ‘Boxerauftsandes' der Kaiser und die Kaiserin-Witwe zeitweilig Wohnung genommen hatten, als sie auf dem Rückweg von ihrer Flucht wieder nach Peking zurückkehrten. Da es niemandem gestattet ist, einen kaiserlichen Palast zu bewohnen, steht er jetzt da und verfällt. ... Die Gemächer der Kaiserin, der Eunuchen, der Konkubinen sind alle gleichförmig und ohne Mobiliar. ... Die Möbel sind verkauft. So steht es also mit dem ‘unberührbaren' Palast! Im Hof wuchert Unkraut. "Wenn der Kaiser kommt, bringen wir alles wieder in Ordnung", erklärt [der begleitende Beamte des ‘Amtes für ausländische Angelegenheiten'] Zhang. (191f) Die letzten Spuren des religiösen Judentums verlieren sich [in China] Mitte des 19. Jahrhunderts. China ist das einzige Land, in dem sich das Judentum niemals zusammengeschlossen und abgetrennt hat, in dem es keine Judenpogrome gab und wo die jüdische Nation von der chinesischen vollkommen aufgesogen wurde, abgesehen von einigen semitischen Eigentümlichkeiten, die man hin und wieder beobachten kann. (192)
  • Als wir auf dem Rückweg an der katholischen Kirche vorbeikommen, beschließen wir, ihr einen Besuch abzustatten. ... Da stehen sie als Statuen nebeneinander: auf der einen Seite die ihren Säugling mit entblößter Brust nährende Jungfrau, auf der anderen Seite Christus, mit geöffneter Brust, aus der das bluttriefende Herz herausgeschnitten und mit einer Krone versehen ist. In unglaublicher Weise wird hier dem Chinesen Gewalt angetan: Eine Jungfrau mit einem unehelichen Kind ist für ihn nur eine skandalöse und nirgendwo in seiner Geschichte mit Lobpreisungen bedachte Angelegenheit; dazu gesellt sich noch ein zerschnittener, blutender Körper - ein Anblick, der für einen Chinesen unerträglich ist. (194)
  • Die steife Förmlichkeit zerbröckelt jedoch bald, die Unterhaltung wird lebhafter. Unsere Bekanntschaft mit der chinesischen Kultur erobert immer und überall die chinesischen Herzen, und sobald man diese Bekanntschaft auch nur angedeutet hat, ist sofort ein völlig anderes Verhältnis hergestellt. (198)
  • Unsere [Chavannes' und Alekseevs] Meinungen über das ‘Amt für ausländische Angelegenheiten' stimmen vollkommen überein. Diese neue, aber nach alter Art arbeitende Behörde verschlingt Riesensummen und nimmt zur Rechtfertigung dieser Ausgaben jede Gelegenheit wahr, Geschäftigkeit zu demonstrieren. Ein Empfang von Ausländern eignet sich hervorragend dazu. (198f)
  • Nomaden aller Stämme und Zeiten haben China ihrer Herrschaft unterworfen ... Das innere Leben Chinas hjedoch blieb auch unter dem fremden Joch seinen Traditionen treu. (208)
  • Ich freue mich immer über die Leichtigkeit, mit der in China ein Gespräch mit völlig unbekannten Leutren zustande kommt. Die Chinesen sind entgegenkommend und gesprächig, demokratisch. Ausgezeichnete, kluge Leute findet man bei jedem Schritt. (210)
  • [In Luoyang, zum Essen bei einem italienischen Unternehmer dort namens Molinatto eingeladen. Auch dabei: ein Belgier und zwei Franzosen, die alle dort arbeiten.] Bei Tisch entbrennt ein heftiger Streit. Molinatto und die Franzosen haben die schlechteste Meinung von den Chinesen. Erzählen allerlei Schauergeschichten. ... Wenn man die Antworten und Meinungen dieser ‘gebildeten Leute' zusammenfassen wollte, würde China etwas so aussehen: "Die Chinesen haben alle die gleichen Gesichter; es ist unmöglich, einen vom andern zu unterscheiden. Ein sehr komisches Volk ... Wenn sie jemand begrüßen wollen, halten sie sich die Fäuste vor das Gesicht, den Händedruck kennen sie nicht. Ihre Rede steckt voller Höflichkkeiten: "Wie ist Ihr erwürdiger Familienname?" ... Als unanständig gilt bei ihnen, nach der Gesundheit der Frau oder der Schwester zu fragen, den Hut beim Eintritt abzunehmen. Ihre Kleidung ist blödsinnig: Mützen mit einem aus unbegreiflichen Gründen oben angenähten Knopf; Westen über den Jacken, die Jacken aus Leinen mit Wattefüllung; auch die Socken sind aus Leinen und werden sogar gestärkt. Die Männer tragen Röcke, die Frauen Hosen. Die Männer haben außerdem noch Zöpfe und halten Fächer in den Händen. Die Frauen haben verkrüppelte Füße und eine flache Brust. Ihre Schminke ist übertrieben und ungeschickt: Rot um die Augen, die Wangen weiß, mitten auf den Lippen einen roter Punkt. Und der Harem? Fast in jedem Haus zu finden! Und das Essen? Würmer, Spinnen, jeder Dreck! Als höchste Delikatesse gelten ... Schwalbennester, d.h. Mist mit Stroh! Serviert wird nicht auf Platten, sondern in Schüsselchen, gegessen wird mit Stäbchen. Bei Tisch überhaupt keine Damen, falls man nicht gerade Hetären bestellt hat. Die Religion? Ihre Tempel sind Lagerhäuser voller Götzenbilder. Welches Glaubensbekenntnis? Nicht festzustellen: heute Buddhist, morgen Konfuzianer. Ihr Theater - ein einziger Alptraum! Eine Scheune mit einer primitiven Bühne, von der herab gräßliche Kakophonien ertönen. ... Die Malerei - ohne Schatten, ohne Perspektive, entsetzlich eintönig. Na, und schließlich ihre, wie heißt das doch, ‘Hieroglyphen'? Denken sie nur, wieviele Jahre die das lernen müssen und schließlich bekennen sie selbst, daß sie wenig davon verstehen ... Ihre Bücher fangen am Ende an, die Anmerkungen sind oben, kein Punkt, kein Komma. Die Umgangssprache? Jede Stadt hat ihren Dialekt! Kein Chinese versteht den anderen; sie zeichnen sich irgendetwas auf die Handflächen, um sich verständlich zu machen ... Was in aller Welt hat Sie bewogen, Sinologe zu werden! Sind Sie etwas lebensmüde? (210 ff)
  • Auf dem tobenden [Luo] Fluß treiben braune Schaumkronen. ... Kleine Kinder und Frauen, die mit Gabeln bewaffnet sind, fischen Reisig, Bretter, Gaoliang aus dem Strom. Manchmal treibt ein Zweig ziemlich weit vom Ufer. Kinder, mit kräftigen Armzügen schwimmend, packen ihn rasch und schreien begeistert. (238) Ich unterhalte mich mit den Bootsleuten. Unser Thema ist immer dasselbe: Wie sieht es in meinem fernen Lande aus? (239)
  • Zu [...] ‘Hymnen' in ‘östlicher Exotik' neigen [...] auch Gelehrte. Es kommt darauf an, die Schwärmerei für sein Thema innerlich zu überwinden. In jeder Reise lauert die Gefahr einer unmäßigen Begeisterung für das fremde Land, einer Entdeckung Amerikas bei jedem Schritt. (251)
  • Am zweiten und sechzehnten eines jeden Monats zünden die Familien der Ladeninhaber vor solchen Bildern [des rechtschaffendsten und darum zum Gott gewordenen Generals/Beamten Guandi/Guan Yu] Räucherkerzen an und flehen den geldlosen, uneigennützigen Guandi um Silber und Gold an. (267)
  • ... setzt unbedingt die Kenntnnis der chinesischen Geschichte voraus. Und diese Voraussetzung bringt der chinesische Zuschauer [von Theaterstücken] in vollem Umfang mit, denn die Kenntnis seiner Geschichte und seiner Kultur hat in der Masse der chinesischen Bevölkerung so tiefe Wurzeln geschlagen wie sonst nirgendwo in der Welt. (276)
  • Der Kult, der in China mit dem Schreiben, mit Briefumschlägen und mit Papier getrieben wird, hat auf der Welt nicht seinesgleichen. Die Etikette, das sogenannte ‘li', als höchste dem gebildeten Menschen eigene Form der Höflichkeit, tritt hier deutlich hervor. (279)
  • Im ‘Tempel der Menschenliebe' [in Xi'an] besichtigen wir den berühmten Nestorianer-Stein, über den viel geschrieben worden ist. Die Stele ist im Jahr 781 unter der Tang-Dynastie errichtet und 1625 in Xi'anfu entdeckt worden. Zur Zeit besteht deutlich die Gefahr, daß der Stein in militärische Bauvorhaben einbezogen wird: Der Zaun der Militärschule ist unmittelbar an den Tempel herangerückt. Historische Denkmäler wie dieses und die Ruinen der Synagoge, die wir in Kaifeng gesehen haben, sind das einzige, was Religionen wie das Nestorianertum, der Manichäismus, das Judentum, die sonst in China spurlos verschwunden sind, hinterlassen haben. (282)
  • Aber schon eine volkstümliche Redewendung besagt, daß ‘das Urteil bei den Prüfungen [der Beamten-Kandidaten] nicht vom literarischen Können abhängt', sondern lediglich von der Person der Kandidaten und der ihnen von irgendeiner Seite gewährten Protektion. Und diese irdische Protektion war vermutlich bei weitem wirksamer als die göttliche, besonders wenn ihr mit einer gehörigen Bestechungssumme nachgeholfen worden war. (283)
  • Ein ortskundiger Einwohner als Führer ist unersetzlich. Er trägt dazu bei, die Verbindung mit der Bevölkerung enger zu gestalten, beseitigt ihr Mißtrauen, wird zum Vermittler. Davon konnte ich mich auf der Reise immer wieder überzeugen. ... ohne sie wäre uns vieles verborgen geblieben. (283)
  • Eine Heirat ... ist der einzige Festtag im Leben eines Menschen, die nächste pompöse Feier ist schon ... die Bestattung. (286)
  • Zu beiden Seiten der Straße rollt langsam das einförmige Band der Äcker ab. Überall Bäuerinnen, die vor ihren Beeten hocken. Wieder muß ich staunen über die untadelige Sorgfalt, mit der Chinesen ihre Felder bearbeiten. Jedes einzelne Pflänzchen wird mit größter Behutsamkeit behandelt. (291)
  • Trunkenheit ... ist jedoch in China das Ziel des Spottes und des Abscheus, und ich habe nniemals Alkohohl-‘Leichen' auf den Straßen oder ‘schwankende Gestalten' gesehen. (325)
  • Die Orientierung nach der Himmelrichtung ist in China unvergleichlich weiter verbreitet als bei uns. Bei Fragen nach dem Weg erteilte Auskünfte sind immer auf die Windrose bezogen. Die Bezeichnungen ‘rechts' und ‘links' sind bei den Chinesen überhaupt nicht beliebt. ... auch Zimmer in den Häusern, ja sogar in den Zimmern befindliche Gegenstände werden mit ‘nördlich', ‘südlich', ‘östich' oder ‘westlich' bezeichnet. (331)
  • Beim Stadttor von Zhaocheng [Provinz Shanxi] lesen wir auf einem Stein eine interessante Inschrift, der zufolge das Töten von Ausländern verboten ist, denn die Gnade des Kaisers reicht hinab bis zu Katzen und Hunden. (336)
  • Ausnahmen, die sich vom allgemein in der Beamtenschaft herrschenden Hintergrund aus Unterschlagung und Nichtstun abheben, sind offensichtlich nur eine Bestätigung der Regel. Ein konfuzianischer Beamter ist in der Theorie ein vollkommener Mensch, in der Praxis jedoch ein Dieb, der sich heuchlerisch hinter der konfizianischen Moral versteckt oder auch offen das Volk bestiehlt. Konfuzius hatte seine Lehre auf den Glauben an den Edelmut des Menschen aufgebaut. Der Konfuzianismus aber ist schon seit langer Zeit zum Karrierismus entartet. Position und Gehalt eines Beamten boten die beste Möglichkeit zur Bereicherung ... (349)
  • Die Kultur eines jeden Volkes ist individuell, und wenn man ihre charakteristischen Züge hervorheben wollte, könnte man sagen: wenn für die ägyptische Kultur der Kult des Lebens nach dem Tode, für die griechische der Kult der Schönheit und Kunst, für die römische der Kult des Staates und des Rechts bezeichnend sind, so ist die chinesische Kultur durch den Kult des geschriebenen Wortes, der Literatur, gekennzeichnet. (363)