Die folgenden Zitate sind
dem Buch China 1907 (Müller & Kiepenheuer, Leipzig und
Weimar, 1989) entnommen, dem Reisetagebuch Alekseevs. Sie regen zum Nachdenken
darüber an, ob nicht vieles noch heute gilt - wenn auch in abgewandelter
Form:
- Alle Tempel machen außen und
innen durch ihren unaufhaltsamen Verfall einen deprimierenden Eindruck.
Vom Unwetter sind die Dächer überall verfault, und die morschen Balken
hängen herab oder sind zu Boden gefallen (18)
- ... Einem ähnlichen Schicksal
sind fast alle chinesischen Klöster ausgeliefert (19)
- ... Einer der Palasteunuchen,
hochgestellten Beamten oder irgendein Magnat, seiner ständigen Untaten
überdrüssig, kommt vielleicht auf den Gedanken, sein zusammengeraubtes
Gold für den Bau eines Klosters oder eines Tempels zu verwenden. Zu
diesem Zweck werden die geschicktesten Handwerker und Architekten herbeigeholt,
die sich mit beispiellosem Eifer ans Werk machen ... Wer sein Seelenheil
durch einen Tempelbau zu sichern gedenkt, überlegt: ‘[Solche] Gebäude
werden gewiß nicht nur hundert Jahre bestehen. Dann sind alle meine
Sünden bestimmt getilgt. Was nachher kommt, ist mir gleichgültig. (19)
- ... aber ... die buddhistischen
Mönche sorgen dafür, daß die Dinge sich ganz anders entwickeln. Die
Ursachen sind vor allem darin zu suchen, daß sich dieser von allen werktätigen
Chinesen verachtetete Stand gewöhnlich aus dem Abschaum der Gesellschaft,
Leuten, die von Natur Nichtstuer oder Hochstapler sind, zusammensetzt.
... Die Habgier dieser Typen läßt sich nicht beschreiben ... Ihr stumpfsinniger
Dogmatismus wird von vielen Sprichwörtern aufs Korn genommen, die alles
andere als schmeichelhaft sind. Und ein solcher Typ sollte sich um die
Erhaltung der Gebäude, Sauberkeit, Reparaturen usw. kümmern? Er denkt
nicht dran! (19)
- Was die ... Mönche angeht,
haben sie nach Abschluß ihrer Gebetslitaneien wohl kaum einen anderen
Gedanken als den, zum Glück nichts mehr tun zu müssen. (20)
- China ist das Land der Inschriften.
Alle Stellen, die bei uns frei von Aufschriften sind, werden in China
gewöhnlich mit ihnen bedeckt; Türrahmen, Türfüllungen, die Wände über
den Fenstern usw. Die Inschriften stammen natürlich nicht von den Bewohnern
der ärmlichen Häuser und Läden, auch nicht von unserem Bootsmann, der
die Aufschrift nicht einmal lesen kann, obwohl er das, worauf sie anspielt,
sehr gut kennt. Das Wichtigste jedoch ist, daß alle diese wenig oder
gar nicht gebildeteten Liebhaber von literarischen Zitaten Gefallen
daran finden. Die Tiefe der kulturellen Durchdringung Chinas zeigt sich
hier besonders deutlich.
- Es wird heiß. Das Wasser des
Kanals [auf dem die Reise stattfindet] von ekelhafter Farbe und stinkend,
stellt ein wenig erfreuliches Stück Natur dar. (38)
- Diese Epopöe [Epos] vom Kampf
bekannter Helden bildet den Kern zahlloser Volkslegenden (die im 14.
Jahrhundert zu einem literarischen Kollossalgemälde, dem sich großer
Popularität erfreuenden Roman "Die drei Reiche" zusammengefaßt wurden)
und kommt heute allein für nahezu sieben Zehntel des gesamten Theaterrepertoires
auf. (43)
- Ergebenheit dem Thron gegenüber
[ist] die Grundlage der konfuzianischen Moral... (45)
- Die Ereignisse ihrer eigenen
Geschichte mit ihrem Heroismus und ihren Kämpfen, die Theaterparade
ihrer nationalen Kultur - das alles berührt immer wieder das Herz des
Chinesen, auch dann, wenn er nur wenige chinesische Zeichen, ja sogar,
wenn er kein einziges kennt. (45)
- Jedes Stückchen Erde ist
bearbeitet. Es ist ungewöhnlich, ein Feld vor Augen zu haben, das sorgfältiger
als ein Gemüsegarten gepflegt, mit Pfählen für die Pflanzen und anderen
Vorrichtungen zur Vergrößerung der Nutzfläche versehen ist, daß ich
stehenbleibe und den Blick nicht von diesem rührenden Bilde abwenden
kann. (47).
- Am Morgen erscheint eine alte
Frau zu einem Schwatz. Der Bootsmann erkundigt sich galant nach ihrem
Alter: "Du bist wohl bald achtzig, wie?" Die Alte ist sichtlich geschmeichelt,
erklärt jedoch bescheiden, sie sei erst sechsundfünfzig. "Nun, Alte,
viel Glück! Aussehen tust du aber wahrhaftig wie achtzig!" Ich möchte
wissen, wie es einem ergehen würde, der einer europäischen Matrone solch
ein Kompliment macht! Hier aber wirkt so etwas ganz natürlich. Im patriarchalischen
China ist Alter immer ehrwürdig. (49)
- Überhaupt ist das Gebet um
Geld und um männliche Nachkommenschaft am häufigsten (54).
- ... in der Malerei [ist]
der chinesische Künstler bemüht, fotografische Exaktheit zu vermeiden
und das Wesen, den Sinn des Gegenstandes, zum Ausdruck zu bringen...
(60) Jedenfalls ist religiöser Fanatismus in China viel weniger entwickelt
als in anderen Ländern. (64)
- Die Phantasie der Mönche ist
verkümmert. Sie sind, mit geringen Ausnahmen, ein äußerst grobes Volk,
kennen nur eine sehr begrenzte Zahl von chinesischen Zeichen, wissen
natürlich nichts von Indien, Sanskrit, von der ursprünglichen Lehre
und den Begründern des Buddhismus. Die Hauptfunktion der buddhistischen
und daoistischen Mönche besteht in ganz China im Rezitieren kanonischer
Texte bei Begräbnissen und im Sammeln milder Gaben, besonders an den
Tagen der Tempelfeste. (65)
- Beim [Geld-] Umwechseln werden
wir unbarmherzig übers Ohr gehauen ... (69)
- Besonders charakteristisch
sind die Ladenstraßen mit ihren kalligraphischen Firmenschildern an
den Wänden. Es gibt auch Inschriften auf besonderen Pfosten vor den
Läden. Manchmal sind die Pfosten mit prächtig vergoldetem Schnitzwerk
verziert, doch gleich daneben Schmutz, Gestank, Müll ... (79)
- Aus ganz anderem Holz geschnitzt
ist ... der Beamte Qi, der in Paris gelebt ... hat ... Er stellt den
Typ des neuen Mandarins dar, der die Allüren des alten beibehalten hat,
aber weder dessen Gelehrsamkeit noch seine Weltanschauung besitzt. Ein
Lebemann, ein Zyniker, ein bis zur Fahrlässigkeit gleichgültiger Beamter.
Seinem eigenen Volk gegenüber bezieht er als ‘vom Westen Aufgeklärter'
eine höchst dünkelhafte Stellung. ... Mir und Chavannes gegenüber verhielt
er sich ehrerbietig, jedoch nicht ohne Ironie: Ach, Sie interessieren
sich für diese billigen Holzschnitte, chacun à son goût ... (87)
- Die alte chinesische Erziehung,
die in dem Auswendiglernen der wichtigsten Werke der alten Literatur
besteht, die schematische und planlose Lehre ohne Einteilung in Spezialfächer
müssen abgeschafft werden. Wenn man aber die neue Ausbildung ganz nach
dem in Europa üblichen Programm ausrichtet, würde der gebildete Chinese
sich überhaupt nicht von einem entsprechend gebildeten Europäer unterscheiden.
So würde der Chinese sich Europa aneignen, aber China - und damit die
Fähigkeit zur Fortsetzung der chinesischen Kultur - verlieren. Wird
China nur zu einem chinesisch redenden und schreibenden Teil von Europa
bzw. Amerika werden oder wird es verstehen, sein eigenes Gesicht zu
bewahren? Das ist die Frage, die alle bewegt, denen die nationale Kultur
am Herzen liegt. Darüber gibt es endlose Auseinandersetzungen. (88f)
- Der Kreisvorsteher ist ein
kluger und interessanter Alter. Wie angenehm ist es doch, eine solche
Erscheinung inmitten einer Beamtenschaft anzutreffen, in der bis zur
offenen Ausraubung des Volkes gehende Gaunereien und Unterschlagungen
an der Tagesordnung sind, wobei sie ständig begleitet werden von Deklarationen
höchster Moral und Liebe zum Volk. (89)
- ... die Chinesen sind ungeheuer
empfindlich gegenüber höflichem oder unhöflichem Verhalten; sie wittern
oft Dinge dahinter, die überhaupt nicht zutreffen, und können tödlich
beleidigt sein. (92)
- Ein erstaunlich freundliches
und liebenswürdiges Volk! (104)
- Beim Besuch eines Tempels,
der wie viele andere, in seiner Ausstattung und Dekoration alles zusammenwirft:
religionsfernen Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus: So treffen
wir Vertreter dreier im Verlauf von Jahrtausenden einander bekämpfender
Lehren friedlich in einem Tempel beisammen, denn das chinesische Volk
hat mit erstaunlicher Gutmütigkeit und einer bemerkenswerten (bei anderen
Völkern fehlenden) Gleichgültigkeit alle diese Lehren zu einer verschmolzen,
der man sogar einen besonderen Namen gegeben hat: san jiao, Drei-Lehre.
Auf Heiligenbildern werden manchmal alle drei Patrone -Konfuzius, Buddha
und Laozi- ohne Unterschied in einem Rahmen zusammengefaßt. (106)
- Beim Anblick terrassierter
und landwirtschaftlich genutzter Berge: Ich frage einen neben mir stehenden
Alten: "Wie sind diese Terrassen entstanden?" Die Antwort: "Menschenwerk."
Man stelle sich vor: umgepflügte Berge! Man weiß nicht: Soll man erschrecken
oder begeistert sein, wenn man solche Zeugnisse menschlicher Beharrlichkeit
vor sich sieht? Das heißt chinesische Arbeit! (109)
- ... der Staat zeigt sich
überhaupt allem gegenüber gleichgültig. So kommt es, daß alte steinerne
Inschriften in Schutthaufen verkommen oder als Straßenpflaster, Spülsteine,
Pumpenschwengel für Brunnen dienen. Und erst gestern haben wir wir einen
ebenfalls aus der Yuan-Zeit stammenden Stein mit einer sehr feinen Bildhauerarbeit
als Wandverzierung einer ... Bedürfnisanstalt entdeckt! (113)
- In Begleitung dieses Knaben
besuchen wir einen Laden, um volkstümliche Bilder zu kaufen. Wir werden
tüchtig übers Ohr gehauen (dafür sind wir ja Europäer), aber das ist
nicht so wichtig. (114)
- Die Geschichte Chinas erscheint
dem Chinesen überhaupt als etwas nahezu Religiöses ... (117) Aber ist
es nicht auch etwas Entsetzliches, daß Bildung so schwer erworben werden
muß, und derjenige, der in China als Gelehrter gelten will, vom sechsten
bis nahe ans dreißigste Lebensjahr, seine ganze Zeit, vom Morgen bis
in die Nacht, dem Lernen seiner Sprache widmet? (118)
- In allen Tempeln (und es
gibt sie wie Sand am Meer) beobachte ich ein synkretistisches Chaos,
d.h. die vollkommene Vermischung der ‘drei Lehren': Konfizianismus,
Daoismus und Buddhismus. Der chinesischen Religion ist eine solche Unlogik
völlig gleichgültig. In dieser Religion ist im Grunde jeder Beter sein
eigener Priester. (128)
- Je tiefer wir ins Land kommen,
desto größer wird das Aufsehen, das wir als Ausländer erregen. Das ist
verständlich. Alles an uns ist das genaue Gegenteil vom Chinesen und
fällt ihm in die Augen ... (140)
- [Chavannes] Reise ist die
erste allen Anforderungen der archäologischen Wissenschaft entsprechende
sinologische Expedition. Es ist zu hoffen, daß sie endlich die Chinareisen
der zweifelhaften Zuständigkeit von Missionaren und Konsuln entreißt
und den in so vielen Büchern von Europäern über ihre ‘Reisen' (richtiger:
‘Irrfahrten') durch China niedergelegten weitschweifigen Betrachtungen
über die vielen chinesischen Rätsel ein Ende bereiten wird. (142)
- Wir nähern uns Qufu, der Heimat
des Konfuzius. ... Der Pförtner verlangt das Eintrittsgeld im voraus.
Drinnen ist es schmutzig und leer. In großen, neugebauten Wohnräumen
das übliche Bild der Verwüstung: Heu liegt herum, auf den Steinplatten
wird Wäsche geklopft. (145)
- Ein Kuli aus dem Hotel setzt
sich zu mir und versucht, russisch zu sprechen. Es stellt sich heraus,
daß er in Rußland gewesen ist und dort das Uhrmacherhandwerk gelernt
hat. Nach der Rückkehr in die Heimat war er jedoch gezwungen, als Kuli
zu arbeiten. "Hier ist es schwierig", sagt er, "alle Leute sind altmodisch,
haben nichts für Neues übrig." (146)
- Wir haben [in China] einen
Riesen vor uns, der, ungeachtet enormer Verluste an Kulturgütern in
endlosen Kriegen und Unruhen, es verstanden hat, seine gesamte Kultur
zu erhalten und sie zu ungewöhnlicher Stabilität zu entwickeln. (146)
- Personal gibt es in Mengen.
Trozdem macht sich zwischen Denkmälern, die nicht zu den wichtigsten
gehören, Unkraut breit, und im Tempel stinkt es fürchterlich ... (153)
- Die ‘chinesische Etikette'
hat sich bewährt. ... Mit [ihr] hängt die fast übernatürliche Furcht
des Chinesen zusammen, ‘sein Gesicht zu verlieren', d.h. in eine solche
Lage zu geraten, in der sogar die ‘Etikette' nicht imstande ist, sein
Verhalten zu bemänteln. Mit dem ‘Gesichtsverlust' haben sogar so einfache
Dinge zu tun wie z.B. eine Absage der Bitte um ein Darlehen, und so
ist der Chinese ständig bemüht, solche Fälle nur unter vier Augen zu
besprechen. (158)
- Ich ... versuche, ein Gespräch
in Gang zu bringen, aber es gelingt nicht gleich. Beim Anblick von Ausländern
glaubt der Mann zuerst, überhaupt nichts von dem begreifen zu können,
was ihm gesagt wird. (165)
- ... neben uns, den wohlgenährten
Reisenden, sitzen die Karrenzieher, die Sklaven der Arbeit, und fischen
aus einer großen schmutzigen Schüssel Gurkenstücke, die in einer soßenartigen
Flüssigkeit schwimmen. Dazu essen sie Momobrocken, mit denen sie die
letzten Reste aus der Schüssel kratzen. Wenn man fragt: "Was ißt du?",
fordern sie einen gleich auf, es zu probieren. Ein gutes Volk! (166)
- Wir erreichen das Dorf Jiaochengcun.
Wir fragen die herbeigeströmte Menge, ob es hier alte Steine gebe. Sie
führen uns in einen Guanyin-Tempel und zeigen uns einen Stein, der zwischen
einem Zaun und einem neuen Gedenkstein in der Erde steckt. Wir machen
uns inmitten einer riesigen Menschenmenge in der glühenden Sonne an
die Arbeit. Der Stein wird ausgegraben, abgewaschen, abgeformt. "Hier
war noch ein Stein in der Mauer", sagen sie und zeigen auf einen Abort,
"aber der ist verschwunden" (!). Sie wissen also, wo es alte Steine
gibt und trotzdem gehen sie so schauderhaft mit ihnen um. ... Die Einwohner,
die dem Schicksal aller dieser Denkmäler gegenüber so unglaublich gleichgültig
schienen, hatten plötzlich begriffen, daß die Tafel verkauft und fortgebracht
werden sollte: Schon stürzen sie sich auf den Verkäufer, und wie! Ihr
Patriotismus war durchgebrochen. (176f)
- Wir schließen die Türen der
Kapelle, um dem Gedränge der Neugierigen, die die Arbeiten behindern,
zu entgehen. Trotzdem kriechen sie über die Mauer, bilden einen engen
Ring, sehen zu und rauchen. Ihre Ruhe ist unwahrscheinlich. Man ärgert
sich, drängt sie zurück - sie lachen nur. Dabei bleiben sie immer höflich
und dienstbereit. Wenn sie die Fragen verstehen, antworten sie zuvorkommend
und genau. Das alles wirkt entwaffnend: Einfachheit, Gutherzigkeit und
kindliche Lachlust. (177f)
- In den Tempeln verkaufen
geschäftstüchtige Mönche gegen Bargeld ‘Liegeplätze' für Raucher, verwandeln
den Tempel in eine Opiumspelunke, so daß man manchmal Mühe hat, sich
seinen Weg zwischen den Reihen der unheilvollen Lämpchen und betäubten
Scheintoten zu bahnen. (179)
- Es folgt [in Kaifeng] die
Besichtigung des Xinggong, des ‘Reisepalastes', in dem vor sechs Jahren,
während des ‘Boxerauftsandes' der Kaiser und die Kaiserin-Witwe zeitweilig
Wohnung genommen hatten, als sie auf dem Rückweg von ihrer Flucht wieder
nach Peking zurückkehrten. Da es niemandem gestattet ist, einen kaiserlichen
Palast zu bewohnen, steht er jetzt da und verfällt. ... Die Gemächer
der Kaiserin, der Eunuchen, der Konkubinen sind alle gleichförmig und
ohne Mobiliar. ... Die Möbel sind verkauft. So steht es also mit dem
‘unberührbaren' Palast! Im Hof wuchert Unkraut. "Wenn der Kaiser kommt,
bringen wir alles wieder in Ordnung", erklärt [der begleitende Beamte
des ‘Amtes für ausländische Angelegenheiten'] Zhang. (191f) Die letzten
Spuren des religiösen Judentums verlieren sich [in China] Mitte des
19. Jahrhunderts. China ist das einzige Land, in dem sich das Judentum
niemals zusammengeschlossen und abgetrennt hat, in dem es keine Judenpogrome
gab und wo die jüdische Nation von der chinesischen vollkommen aufgesogen
wurde, abgesehen von einigen semitischen Eigentümlichkeiten, die man
hin und wieder beobachten kann. (192)
- Als wir auf dem Rückweg an
der katholischen Kirche vorbeikommen, beschließen wir, ihr einen Besuch
abzustatten. ... Da stehen sie als Statuen nebeneinander: auf der einen
Seite die ihren Säugling mit entblößter Brust nährende Jungfrau, auf
der anderen Seite Christus, mit geöffneter Brust, aus der das bluttriefende
Herz herausgeschnitten und mit einer Krone versehen ist. In unglaublicher
Weise wird hier dem Chinesen Gewalt angetan: Eine Jungfrau mit einem
unehelichen Kind ist für ihn nur eine skandalöse und nirgendwo in seiner
Geschichte mit Lobpreisungen bedachte Angelegenheit; dazu gesellt sich
noch ein zerschnittener, blutender Körper - ein Anblick, der für einen
Chinesen unerträglich ist. (194)
- Die steife Förmlichkeit zerbröckelt
jedoch bald, die Unterhaltung wird lebhafter. Unsere Bekanntschaft mit
der chinesischen Kultur erobert immer und überall die chinesischen Herzen,
und sobald man diese Bekanntschaft auch nur angedeutet hat, ist sofort
ein völlig anderes Verhältnis hergestellt. (198)
- Unsere [Chavannes' und Alekseevs]
Meinungen über das ‘Amt für ausländische Angelegenheiten' stimmen vollkommen
überein. Diese neue, aber nach alter Art arbeitende Behörde verschlingt
Riesensummen und nimmt zur Rechtfertigung dieser Ausgaben jede Gelegenheit
wahr, Geschäftigkeit zu demonstrieren. Ein Empfang von Ausländern eignet
sich hervorragend dazu. (198f)
- Nomaden aller Stämme und
Zeiten haben China ihrer Herrschaft unterworfen ... Das innere Leben
Chinas hjedoch blieb auch unter dem fremden Joch seinen Traditionen
treu. (208)
- Ich freue mich immer über
die Leichtigkeit, mit der in China ein Gespräch mit völlig unbekannten
Leutren zustande kommt. Die Chinesen sind entgegenkommend und gesprächig,
demokratisch. Ausgezeichnete, kluge Leute findet man bei jedem Schritt.
(210)
- [In Luoyang, zum Essen bei
einem italienischen Unternehmer dort namens Molinatto eingeladen. Auch
dabei: ein Belgier und zwei Franzosen, die alle dort arbeiten.] Bei
Tisch entbrennt ein heftiger Streit. Molinatto und die Franzosen haben
die schlechteste Meinung von den Chinesen. Erzählen allerlei Schauergeschichten.
... Wenn man die Antworten und Meinungen dieser ‘gebildeten Leute' zusammenfassen
wollte, würde China etwas so aussehen: "Die Chinesen haben alle die
gleichen Gesichter; es ist unmöglich, einen vom andern zu unterscheiden.
Ein sehr komisches Volk ... Wenn sie jemand begrüßen wollen, halten
sie sich die Fäuste vor das Gesicht, den Händedruck kennen sie nicht.
Ihre Rede steckt voller Höflichkkeiten: "Wie ist Ihr erwürdiger Familienname?"
... Als unanständig gilt bei ihnen, nach der Gesundheit der Frau oder
der Schwester zu fragen, den Hut beim Eintritt abzunehmen. Ihre Kleidung
ist blödsinnig: Mützen mit einem aus unbegreiflichen Gründen oben angenähten
Knopf; Westen über den Jacken, die Jacken aus Leinen mit Wattefüllung;
auch die Socken sind aus Leinen und werden sogar gestärkt. Die Männer
tragen Röcke, die Frauen Hosen. Die Männer haben außerdem noch Zöpfe
und halten Fächer in den Händen. Die Frauen haben verkrüppelte Füße
und eine flache Brust. Ihre Schminke ist übertrieben und ungeschickt:
Rot um die Augen, die Wangen weiß, mitten auf den Lippen einen roter
Punkt. Und der Harem? Fast in jedem Haus zu finden! Und das Essen? Würmer,
Spinnen, jeder Dreck! Als höchste Delikatesse gelten ... Schwalbennester,
d.h. Mist mit Stroh! Serviert wird nicht auf Platten, sondern in Schüsselchen,
gegessen wird mit Stäbchen. Bei Tisch überhaupt keine Damen, falls man
nicht gerade Hetären bestellt hat. Die Religion? Ihre Tempel sind Lagerhäuser
voller Götzenbilder. Welches Glaubensbekenntnis? Nicht festzustellen:
heute Buddhist, morgen Konfuzianer. Ihr Theater - ein einziger Alptraum!
Eine Scheune mit einer primitiven Bühne, von der herab gräßliche Kakophonien
ertönen. ... Die Malerei - ohne Schatten, ohne Perspektive, entsetzlich
eintönig. Na, und schließlich ihre, wie heißt das doch, ‘Hieroglyphen'?
Denken sie nur, wieviele Jahre die das lernen müssen und schließlich
bekennen sie selbst, daß sie wenig davon verstehen ... Ihre Bücher fangen
am Ende an, die Anmerkungen sind oben, kein Punkt, kein Komma. Die Umgangssprache?
Jede Stadt hat ihren Dialekt! Kein Chinese versteht den anderen; sie
zeichnen sich irgendetwas auf die Handflächen, um sich verständlich
zu machen ... Was in aller Welt hat Sie bewogen, Sinologe zu werden!
Sind Sie etwas lebensmüde? (210 ff)
- Auf dem tobenden [Luo] Fluß
treiben braune Schaumkronen. ... Kleine Kinder und Frauen, die mit Gabeln
bewaffnet sind, fischen Reisig, Bretter, Gaoliang aus dem Strom. Manchmal
treibt ein Zweig ziemlich weit vom Ufer. Kinder, mit kräftigen Armzügen
schwimmend, packen ihn rasch und schreien begeistert. (238) Ich unterhalte
mich mit den Bootsleuten. Unser Thema ist immer dasselbe: Wie sieht
es in meinem fernen Lande aus? (239)
- Zu [...] ‘Hymnen' in ‘östlicher
Exotik' neigen [...] auch Gelehrte. Es kommt darauf an, die Schwärmerei
für sein Thema innerlich zu überwinden. In jeder Reise lauert die Gefahr
einer unmäßigen Begeisterung für das fremde Land, einer Entdeckung Amerikas
bei jedem Schritt. (251)
- Am zweiten und sechzehnten
eines jeden Monats zünden die Familien der Ladeninhaber vor solchen
Bildern [des rechtschaffendsten und darum zum Gott gewordenen Generals/Beamten
Guandi/Guan Yu] Räucherkerzen an und flehen den geldlosen, uneigennützigen
Guandi um Silber und Gold an. (267)
- ... setzt unbedingt die Kenntnnis
der chinesischen Geschichte voraus. Und diese Voraussetzung bringt der
chinesische Zuschauer [von Theaterstücken] in vollem Umfang mit, denn
die Kenntnis seiner Geschichte und seiner Kultur hat in der Masse der
chinesischen Bevölkerung so tiefe Wurzeln geschlagen wie sonst nirgendwo
in der Welt. (276)
- Der Kult, der in China mit
dem Schreiben, mit Briefumschlägen und mit Papier getrieben wird, hat
auf der Welt nicht seinesgleichen. Die Etikette, das sogenannte ‘li',
als höchste dem gebildeten Menschen eigene Form der Höflichkeit, tritt
hier deutlich hervor. (279)
- Im ‘Tempel der Menschenliebe'
[in Xi'an] besichtigen wir den berühmten Nestorianer-Stein, über den
viel geschrieben worden ist. Die Stele ist im Jahr 781 unter der Tang-Dynastie
errichtet und 1625 in Xi'anfu entdeckt worden. Zur Zeit besteht deutlich
die Gefahr, daß der Stein in militärische Bauvorhaben einbezogen wird:
Der Zaun der Militärschule ist unmittelbar an den Tempel herangerückt.
Historische Denkmäler wie dieses und die Ruinen der Synagoge, die wir
in Kaifeng gesehen haben, sind das einzige, was Religionen wie das Nestorianertum,
der Manichäismus, das Judentum, die sonst in China spurlos verschwunden
sind, hinterlassen haben. (282)
- Aber schon eine volkstümliche
Redewendung besagt, daß ‘das Urteil bei den Prüfungen [der Beamten-Kandidaten]
nicht vom literarischen Können abhängt', sondern lediglich von der Person
der Kandidaten und der ihnen von irgendeiner Seite gewährten Protektion.
Und diese irdische Protektion war vermutlich bei weitem wirksamer als
die göttliche, besonders wenn ihr mit einer gehörigen Bestechungssumme
nachgeholfen worden war. (283)
- Ein ortskundiger Einwohner
als Führer ist unersetzlich. Er trägt dazu bei, die Verbindung mit der
Bevölkerung enger zu gestalten, beseitigt ihr Mißtrauen, wird zum Vermittler.
Davon konnte ich mich auf der Reise immer wieder überzeugen. ... ohne
sie wäre uns vieles verborgen geblieben. (283)
- Eine Heirat ... ist der einzige
Festtag im Leben eines Menschen, die nächste pompöse Feier ist schon
... die Bestattung. (286)
- Zu beiden Seiten der Straße
rollt langsam das einförmige Band der Äcker ab. Überall Bäuerinnen,
die vor ihren Beeten hocken. Wieder muß ich staunen über die untadelige
Sorgfalt, mit der Chinesen ihre Felder bearbeiten. Jedes einzelne Pflänzchen
wird mit größter Behutsamkeit behandelt. (291)
- Trunkenheit ... ist jedoch
in China das Ziel des Spottes und des Abscheus, und ich habe nniemals
Alkohohl-‘Leichen' auf den Straßen oder ‘schwankende Gestalten' gesehen.
(325)
- Die Orientierung nach der
Himmelrichtung ist in China unvergleichlich weiter verbreitet als bei
uns. Bei Fragen nach dem Weg erteilte Auskünfte sind immer auf die Windrose
bezogen. Die Bezeichnungen ‘rechts' und ‘links' sind bei den Chinesen
überhaupt nicht beliebt. ... auch Zimmer in den Häusern, ja sogar in
den Zimmern befindliche Gegenstände werden mit ‘nördlich', ‘südlich',
‘östich' oder ‘westlich' bezeichnet. (331)
- Beim Stadttor von Zhaocheng
[Provinz Shanxi] lesen wir auf einem Stein eine interessante Inschrift,
der zufolge das Töten von Ausländern verboten ist, denn die Gnade des
Kaisers reicht hinab bis zu Katzen und Hunden. (336)
- Ausnahmen, die sich vom allgemein
in der Beamtenschaft herrschenden Hintergrund aus Unterschlagung und
Nichtstun abheben, sind offensichtlich nur eine Bestätigung der Regel.
Ein konfuzianischer Beamter ist in der Theorie ein vollkommener Mensch,
in der Praxis jedoch ein Dieb, der sich heuchlerisch hinter der konfizianischen
Moral versteckt oder auch offen das Volk bestiehlt. Konfuzius hatte
seine Lehre auf den Glauben an den Edelmut des Menschen aufgebaut. Der
Konfuzianismus aber ist schon seit langer Zeit zum Karrierismus entartet.
Position und Gehalt eines Beamten boten die beste Möglichkeit zur Bereicherung
... (349)
- Die Kultur eines jeden Volkes
ist individuell, und wenn man ihre charakteristischen Züge hervorheben
wollte, könnte man sagen: wenn für die ägyptische Kultur der Kult des
Lebens nach dem Tode, für die griechische der Kult der Schönheit und
Kunst, für die römische der Kult des Staates und des Rechts bezeichnend
sind, so ist die chinesische Kultur durch den Kult des geschriebenen
Wortes, der Literatur, gekennzeichnet. (363)
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