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Joseph Maria von Radowitz Teilnehmer der bizarren preußischen Ostasienexpedition, die 1860-62 u.a. nach China ging, um Handels- und diplomatische Beziehungen aufzunehmen, Botschafter "An der Hohen Pforte", wie die Türkei damals hieß und später Außenminister berichtete in einem seiner Briefe an die Mutter (natürlich!) von dem folgenden Treffen mit einem kaiserlichen Mandarin, wie die Kader damals hießen. Die Situation: Die preußische Delagtion will in Shanghai ihren Handelsvertrag mit China "ratifizieren" lassen. Das Warten auf eine Antwort der Chinesen dauert monatelang, die Deutschen sterben fast in ihren "Kammern", wegen der Shanghaier Hitze und der Langeweile. Dann empfangen Sie einen ihnem Vorhaben wichtigen Manadarin - Hoffnung auf eine Wende keimt auf: Vor einigen Wochen empfingen wir den kaiserlichen Generalgouverneur Sieh, der einstweilen die Sache in Händen hat. Wir waren in großer Uniform, Waldheim frisch gewaschen, das Haus festlich abgeputzt. Der Mandarin erschien mit etwa 50 Begleitern, die sich harmlos im Salon und vor dessen Fenstern gruppierten und uns beinahe auf den Schößen saßen. Nach allgemeinen Redensarten, worin er wiederholt versicherte, unsere Vertragssache werde in Peking mit wunderähnlicher Schnelligkeit besorgt, wurde er ins Nebenzimmer bugsiert und ihm dort à l'Européenne serviert. Die dicke Excellenz aß entsetzlich viel, fragte bei allem woher? und aus was? und steckte sich fast das ganze Dessert in die Tasche. Neben ihm auf dem Tische stand ein mächtiger Spucknapf aus Messing, den er oft handhabte, zugleich mit einer nie ausgehenden Messingpfeife. Auch hier umstand sein ganzes Gefolge, vermehrt duch zahlreiche nicht berufene andere Chinesen, den Tisch und schaute uns tief in den Magen. Der Mandarin hatte seinen französisch sprechenden Dolmetscher mit und wir den unseren, so daß lebhafte Konversaton geführt wurde, besonders nachdem ich dem alten Pagoden begreiflich gemacht hatte, was vor- und nachtrinken sei und ihn zwang, sein Champagnerglas öfters zu leeren, wovon die Hälfte regelmäßig in die Halsbinde kam. Über unsere verschiedenen Orden war er verwundert; ich erzählte ihm in bezug auf den Maltheser haarsträubende Kampf- und Türkenvertilgungsgeschichten der alten Ritter, so daß ihm fast feierlich zumute wurde. Nach vielen Tassen Tee und kleinen Likören, welche die Chinesen besonders hochachten - und von denen sich der treffliche Mandarin je eine ganze Flasche zum Andenken ausbat - und nach unzähligen Verbeugungen, gegenseitigen Redensarten wegen der Schlechtigkeit des Empfangs, der Unverschämtheit, überhaupt gekommen zu sein und etwas angenommen zu haben, wälzte sich der Staatsmann des Himmlischen Reiches (dessen offizieller Titel lautete: "Exzellenz von ruhmvollem Rufe") in den Palankin und zog mit seiner spektakulären Trosse, von dem die Mehrzahl lange Lanzen mit bunten Fahnen trug, wieder ab. Bei alledem muß man natürlich wissen, daß den Chinesen nicht so recht klar war, wer da eigentlich kam: Deutschland existierte nämlich noch gar nicht, weshalb jeder Kleckerstaat sich großmächtig ins Spiel brachte. Der Auftrag lautete, mit den Chinesen Verträge abzuschließen, die deutscherseits so eingeleitet wurden: S.M. der König von Preußen für sich und in Vertretung der Ihrem Zoll- und Steuersystem angeschlossenen souveränen Länder und Landesteile, nämlich Lüneburgs, Anhalt-Dessau-Cöthens, Anhalt-Bernburgs, Waldecks und Pyrmonts, Lippes und Meisenheims als auch im Namen der übrigen Staaten des Zollvereins ... (aus den Memoiren eines anderen Teilnehmers, des späteren zweiten deutschen Gesandten in Peking, Max von Brandt, Dreiunddreißig Jahre in Ost-Asien, Leipzig 1901, S. 9). Nicht mal einen Dolmetscher hatte man dabei, um das ins Chinesische zu bringen. |